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Nordkap, einmal anders
Dieses ist eine beinahe wörtliche Abschrift meines Tagebuches. Da es darin grammattisch kunterbunt zugeht (mal in der Vergangenheit erzählt, mal Gegenwart, mal ganze Sätze, dann wieder Stichworte), ist daraus kein geschlossenes Erzählwerk geworden, es auch eigentlich fast zu privat um es zu veröffentlichen. Wer auch immer diesen Text lesen mag, verzeihe mir bitte mein unvollkommenes Deutsch. Die Kartenskizzen sind von den Originalblättern, die ich für Unterwegs angefertigt hatte, etwas vereinfacht am PC gezeichnet worden.
Ich bin bei weitem nicht der erste, der eine sechs-monatige Paddeltour unternimmt, und auch nicht der erste, der darüber schreibt. Kanu-Wandersportler betreiben ihren Sport in der Regel ohne Publikum, ohne nach Ehrungen zu streben. Nun fällt eine 7000 Km lange Tour etwas aus dem Rahmen, und ich wurde von allen Seiten gebeten, das aufzuschreiben. Diese Bitten mögen daher rühren, dass jeder Mensch ein gewisses Maß an Abenteuerbedürfnis besitzt, welches er in unserer überzivilisierten, paragraphen— und Verbote-gepflasterten Welt kaum noch findet. Nun hat es da jemand doch noch geschafft, den Traum vieler Menschen für sich zu realisieren, und man möchte wenigstens durch das Lesen der Erlebnisse etwas daran teilhaben. So weit so gut, hier kommt meine Geschichte. Und schon hier die Bitte: Nicht nachmachen, nicht allein und auf See nie ohne Schwimmweste.
Wer sich durch meine ca. 350 Seiten durchgekämpft hat, mag erahnen, dass das früher einmal angepeilte Ziel des Lehrerberufes für mich nicht mehr passte. Da erschien mir die Absage des Kultusministeriums nach dem zweiten Staatsexamen fast wie ein Geschenk.
Und so ist eigentlich auch das Kultusministerium die Ursache dafür, das es den Jübermann-Verlag jetzt überhaupt gibt.
Bitte habt Verständnis, dass ich die Herausgabe der PDF-Datei mit einer Bestellung aus dem Shop verknüpfe.
Erhard Jübermann
Vorbereitungen
Der Plan hatte sich derart in meinem Kopf festgefressen, dass er mich nirgends mehr losließ. So machte er mir auch das Lernen fürs Examen zur Qual. Immer, wenn ich einige Stunden gepaukt hatte belohnte ich mich damit, an der Planung und Vorbereitung zu basteln. Andererseits glaube ich aber auch nicht, dass mich das im Lernen viel beeinträchtigt hat, denn Pausen zum Abschalten braucht jeder, und wie diese Pausen aussehen, das ist doch wohl egal.
Als endlich der letzte Prüfungstag = 10.12.1981 vorüber war, konnte ich ohne schlechtes Gewissen weiterplanen. Speziell die vielen Kartenzeichnungen nahmen Zeit in Anspruch, aber es machte ungeheuer Spass. Bei jeder Linie, die ich zeichnete, war ich in Gedanken auch schon dort. Das Boot wurde neu ausgrüstet. Es war unglaublich, wie viel Arbeit, Überlegungen und Tüfteleien notwendig waren, bis das Schmuckstück, der "Jonathan" startklar war. Ebenfalls erstaunlich war die Menge an noch zu kaufenden Ausrüstungsgegenständen. Die gesamte Gepäckliste besteht aus 230 Positionen. Ich konnte kaum überblicken, ob ich diese Menge überhaupt ins Boot passt (gewichtsmäßig), ohne dass ich unter der Wasseroberfläche paddeln muss. Die 85 kg (einschl. Boot) der Rhein-Tour 1980 (auch mit dem Jonathan) wollte ich eigentlich nicht wesentlich überschreiten. Nun sind da jetzt Dinge dazugekommen, die man als Luxus bezeichnen kann, aber während dieser langen Zeit will ich nicht völlig spartanisch leben. Nicht benötigte Gegenstände kann ich immer noch zurückschicken oder entsorgen.
Als Test, ob der Jonathan einschließlich dem Deckkasten auch für Eskimorollen geeignet ist, wurde er am 31. Januar 82 zum Eskimorollentraining in das Hallenbad Langenhagen mitgenommen. Abgesehen davon, dass er so komplett ausgerüstet die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, klappte das Rollen recht gut, auch mit ca. 30 Ltr. Wasser im Deckskasten. Solch ungünstige Gewichtsverteilungen werden unterwegs nie auftreten. Ich konnte annehmen, dass das Rollen auch im Ernstfall klappen wird.
Neben der rein funktionellen Ausrüstung habe ich dem Jonathan mit Pinsel und Farbe auch noch einen etwas farbenfroheren Anstrich gegeben. Speziell die beiden Reservepaddel auf dem Deck bekamen eine selbst entworfene "Kriegsbemalung", die den vorhandenen Reklameaufdruck verdeckte. Der Deckkasten war mir ebenfalls zu farblos. Er wurde übrigens von den Kanuten der Hochschulsport-Gruppe als Bordklosett betitelt. Etwas zu bunt ist er dann zwar geraten, aber die Farbenpracht kommt zumindest den Fotos zugute. Dann war da auch noch der Gesundheitscheck einschließlich Zahnarzt…
Wie bringe ich es den Eltern bei?
Da hatte ich mir also etwas Schönes ausgebrütet, war nur die Frage, wie es meine Umgebung auffassen würde. Einige wären am liebsten gleich mitgekommen. Auch Martin war von meinem Plan so angesteckt, dass er mich für den Fall einer Referendariats-Wartezeit auf Teilstrecken mit seiner Segelyacht begleiten wollte. Andere Kanuten schüttelten nur mit dem Kopf. Meine Verlobte vernahm es Wohlwollen, war doch unsere Beziehung zerbrochen, auch wenn wir noch unter einem Dach wohnten.
Bei meinen Eltern jedoch wusste ich schon im Voraus, dass sie mich nicht verstehen würden. Vor einer Aussprache mit ihnen hatte ich daher regelrecht Angst und verschob sie immer wieder. Da ein möglicher Streit nur mein Lernen für´s Examen belastet hätte, verlegte ich alles Weitere auf Ende Dezember. Was war aber die beste und schonendste Art, es ihnen beizubringen? Es entstand der Gedanke, ihnen einen Brief zu schreiben (und evtl. ihnen den in ihren Schiurlaub zu schicken). Doch irgendwann fand ich die Idee dann doch nicht mehr so gut, was auch meine Schwester bestätigte.