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Achtung, Baustelle, noch nicht für die Allgemeinheit!!!
Nordkap, einmal anders
Dieses ist eine beinahe wörtliche Abschrift meines Tagebuches. Da es darin grammattisch kunterbunt zugeht (mal in der Vergangenheit erzählt, mal Gegenwart, mal ganze Sätze, dann wieder Stichworte), ist daraus noch kein geschlossenes Erzählwerk geworden, da einfach die Zeit fehlt, alles richtig auszuformulieren). Wer auch immer diesen Text lesen mag, verzeihe mir bitte mein unvollkommenes Deutsch. Die Kartenskizzen sind von den Originalblättern, die ich für Unterwegs angefertigt hatte, etwas vereinfacht am PC gezeichnet worden.
Ich bin bei weitem nicht der erste, der eine sechs-monatige Paddeltour unternimmt, und auch nicht der erste, der darüber schreibt. Kanu-Wandersportler betreiben ihren Sport in der Regel ohne Publikum, ohne nach Ehrungen zu streben. Nun fällt eine 7000 Km lange Tour da etwas aus dem Rahmen, und ich wurde von allen Seiten gebeten, das aufzuschreiben. Diese Bitten mögen daher rühren, dass jeder Mensch ein gewisses Maß an Abenteuerbedürfnis besitzt, welches er in unserer überzivilisierten, paragraphen— und Verbote-gepflasterten Welt kaum noch findet. Nun hat es da jemand doch noch geschafft, den Traum vieler Menschen für sich zu realisieren, und man möchte wenigstens durch das Lesen der Erlebnisse etwas daran teilhaben. So weit so gut, hier kommt meine Geschichte. Und schon hier die Bitte: Nicht nachmachen, nicht allein und auf See nie ohne Schwimmweste.
Die Geburt einer Idee
Nach meiner 4-wöchigen Alleinfahrt von den Alpen auf dem Rhein hinunter bis zur Nordsee und über West- und Ostfrisische Inseln, Elbe usw. nach Uelzen im Jahr 1980 hatte ich mir eigentlich vorgenommen, keine weiteren Alleinfahrten mehr zu unternehmen. Es hatte zwar Spaß gemacht, aber ein Urlaub in Gesellschaft mit Freunden erschien mir von da an doch erstrebenswerter.hier am nördlichen Ende Europas, nicht etwa wie Millionen von Menschen vor mir mit dem PKW, und auch nicht in Gesellschaft. Nein, ganz allein und nur unter Benutzung meines Kajaks bin ich in 3 Monaten die 3100 km bis hierhergekommen. Und es soll auf eigenem Kiel auch noch wieder zurück gehen, allerdings auf einer anderen Route. Wo ich hier mittendrin stecke, das ist kein Urlaub mehr, sondern ein sonderbarer, eigenwilliger Abschnitt meines Lebens. Wunderlich sind mitunter die Gedanken, die einen zu solch einer Tat treiben, noch eigenartiger ist der geistige Mechanismus, der mich immer wieder zum Durchhalten antrieb, oder besser gesagt - der mich weitersog bis hierher zum Nordkap. Was will ich eigentlich hier? Ist es so etwas Besonderes, hier in der Einöde im Zelt zu hocken? Wollte ich wirklich nur einmal hier gewesen sein, wie so viele Autofahrer auch? Eigentlich hatte ich doch immer eine Abneigung dagegen, wie ein Normaltourist kamerabehängt die Sehenswürdigkeiten zu fotografieren um dann den Freunden sagen zu können: „Hier schaut her, wo ich schon überall war!" - je teurer, je exklusiver, je weiter, je größer desto besser. Man will ja zeigen, dass man es sich leisten kann. Nein, ein Normaltourist bin ich wohl kaum, und die Kamera wird auch nicht mit Selbstauslöser ein Foto von mir in Siegerpose am Nordkap-Denkmal machen. Etwas Schadenfreude gegenüber den vielen Millionen Autofahrern habe ich allerdings doch. Immerhin war ich einige 100m nördlicher gewesen als sie alle. Nur, wegen dieser lumpigen 100m nehme ich diese gewaltige Schinderei nicht auf mich. Was treibt mich also wirklich hierher? Die Antwort liegt, so glaube ich, nicht hier am Nordkap, sondern in der Triebfeder für die gesamte Skandinavienreise, vielleicht sogar Zuhause, denn dort hatte sich zuvor einiges getan:
Das Ende des Lehramts-Studiums war in Sicht, und ebenso rückte das folgende Referendariat immer näher. Mit Beginn des Referendariats würde es ganz vorbei sein mit der Freiheit. Man hat sich mit Paragraphen, Rahmenrichtlinien, Lehrerkollegen, Referendariatsleitern, Schulleiter und nicht zu vergessen, den lieben, braven Schülern abzuplagen, man wird zu einem Menschen der funktionieren muss. Die letzte Möglichkeit, aus unserer reglementierten Welt auszubrechen, sah ich im Übergang von der Uni zur 2. Lehrerausbildung. Nur wer seine Zukunft geregelt weiß, kann für begrenzte Zeit aussteigen. Wer nach dem Abenteuer auf der Straße steht, wird sich fragen lassen müssen, warum er sich nicht um Arbeit gekümmert hat. Dieses Tor zur Freiheit, das sich da vor mir auftat, reicht aber noch nicht, um bis zum Nordkap durchzuhalten. Das, was ich auf dem Rhein im Übermaß zu Gesicht bekam und im Grunde jeden Tag wieder in Hannover erlebte, ist der Ausverkauf unserer Natur, der nur des Profits wegen, und sei er auch noch so gering, die Umwelt und unsere Lebensqualität zerstört. Wir leben auf Kosten aller späteren Generationen, verpulvern die Rohstoffe und verschmutzen unser "Nest". Ich finde dieses Tun abscheulich. Trotzdem bin ich nicht in der Lage, mich lautstark dagegen zur Wehr zu setzen. Ich traue mich nicht, selbst auf die Barrikaden gehen. Aber zumindest ichwill mir beweisen, dass ich in friedlichem Einvernehmen mit der Natur leben kann, sie nicht belaste, und doch von ihr lebe. Ganz geht das natürlich nicht - ich bin eben von unserer Konsumgesellschaft zu sehr geprägt, bin zu unselbständig geworden. Und doch möchte ich mehr können, als Zuhause mit Elektrizität, Kühlschrank, E-Herd, Heizung, Auto, Fernseher usw. zu leben. lch bin umweltfreundlicher hierher zum Nordkap gekommen als alle Autofahrer, und ich werde genauso auch zurückkehren.
Im Sommer 81 steckte meine Beziehung zu Beate, mit der ich verlobt war, in einer tiefen Krise, ich sah unser Verhältnis als verloren an, auch wenn ich mich daran völlig unschuldig fühlte. Was sollte ich allein mit meinem Leben anfangen? Irgendwie war ich zeitweise fast in Weltuntergangsstimmung, und darin wurde dann wohl dieser Fluchtversuch aus dem Alltag, aus den alten Gewohnheiten, aus dem Scherbenhaufen einer Beziehung, befeuert.
Zuerst war da der 5-Tage-Orientierungslauf 1982 hier oben in Nordschweden. „Das könnte man doch auch mit dem Boot erreichen!?" Zurück, so dachte ich, wird mich schon jemand mitnehmen, jedoch: Fehlanzeige. Jeder, der zu diesem OL so weit fahren will, kombiniert es irgendwie mit einem Urlaub, die Autos sind voll, keine Chance für mich. Da muss es bei mir irgendwie umgeschaltet haben. Bisher gab es in meinen Gedanken die Vorstellung, ein Urlaub bestehe aus einigen Wochen. Wer sollte mich daran hindern, einen ganzen Sommer zu nutzen? Eine Wartezeit von ca. 1 Jahr auf's Referendariat hatte man mir ja angekündigt. Warum soll ich irgendeinen Job annehmen, wenn ich danach eine geregelte Ausbildung sicher habe? Die Planung erweiterte sich auf hin und zurück nach/von Luleå. Durch Zufall fiel mir ein Reisebericht in die Hände von einer Kajaktour von Trondheim nach Hammerfest. Norwegen, Atlantik per Kajak, das geht? Da ich eine generelle Abneigung habe, hin und zurück dieselbe Strecke zu befahren, wurde daraus ein Rundkurs, der immer länger wurde, schließlich in sich selbst lebt, der OL und Luleå sind Nebensache geworden. Falls es die Tour es erlaubt, werde ich zwar den OL besuchen, aber das ist fast schon unbedeutend, die Tour selbst und als Leckerbissen das Nordkap darin sind jetzt wichtig. Ob ich dieses Geschreibsel am Ende der Reise auch noch so sehe, kann ich natürlich noch nicht sagen. An eine Bilanz, eine Abrechnung mit mir selbst kann ich erst nach Beendigung dieses Lebensabschnittes gehen.
Was ich hier allerdings schon gut zusammenfassen kann, sind die Erlebnisse mit Natur, Wasser, Wetter, Land und Menschen, - die von außen kommenden Eindrücke also, die allerdings nicht äußerlich bleiben, sondern sich zu tiefen, sensiblen Empfinden und Fühlen der Natur entwickeln. Vieles davon lässt sich daher auch nur unvollkommen, oberflächlich beschreiben, wird nur für mich, der alles selbst erlebt hat, zu einem niemals verlöschenden Eindruck. Wenn ich trotzdem Versuche, alles im Tagebuch niederzuschreiben (und jetzt etwas ausführlicher ausformuliert herstelle), so ist es der Versuch, mir diese Eindrücke für später zu erhalten , damit sie nicht durch den Zahn der Zeit verblassen.
Nordkap, den 15.Juni 1982
Vorbereitungen
Der Plan hatte sich derart in meinem Kopf festgefressen, dass er mich nirgends mehr losließ. So machte er mir auch das Lernen fürs Examen zur Qual. Immer, wenn ich einige Stunden gepaukt hatte belohnte ich mich damit, an der Planung und Vorbereitung zu basteln. Andererseits glaube ich aber auch nicht, dass mich das im Lernen viel beeinträchtigt hat, denn Pausen zum Abschalten braucht jeder, und wie diese Pausen aussehen, das ist doch wohl egal.
Als endlich der letzte Prüfungstag = 10.12.1981 vorüber war, konnte ich ohne schlechtes Gewissen weiterplanen. Speziell die vielen Kartenzeichnungen nahmen Zeit in Anspruch, aber es machte ungeheuer Spass. Bei jeder Linie, die ich zeichnete, war ich in Gedanken auch schon dort. Das Boot wurde neu ausgrüstet. Es war unglaublich, wie viel Arbeit, Überlegungen und Tüfteleien notwendig waren, bis das Schmuckstück, der "Jonathan" startklar war. Ebenfalls erstaunlich war die Menge an noch zu kaufenden Ausrüstungsgegenständen. Die gesamte Gepäckliste besteht aus 230 Positionen. Ich konnte kaum überblicken, ob ich diese Menge überhaupt ins Boot passt (gewichtsmäßig), ohne dass ich unter der Wasseroberfläche paddeln muss. Die 85 kg (einschl. Boot) der Rhein-Tour 1980 (auch mit dem Jonathan) wollte ich eigentlich nicht wesentlich überschreiten. Nun sind da jetzt Dinge dazugekommen, die man als Luxus bezeichnen kann, aber während dieser langen Zeit will ich nicht völlig spartanisch leben. Nicht benötigte Gegenstände kann ich immer noch zurückschicken oder entsorgen.
Als Test, ob der Jonathan einschließlich dem Deckkasten auch für Eskimorollen geeignet ist, wurde er am 31. Januar 82 zum Eskimorollentraining in das Hallenbad Langenhagen mitgenommen. Abgesehen davon, dass er so komplett ausgerüstet die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, klappte das Rollen recht gut, auch mit ca. 30 Ltr. Wasser im Deckskasten. Solch ungünstige Gewichtsverteilungen werden unterwegs nie auftreten. Ich konnte annehmen, dass das Rollen auch im Ernstfall klappen wird.
Neben der rein funktionellen Ausrüstung habe ich dem Jonathan mit Pinsel und Farbe auch noch einen etwas farbenfroheren Anstrich gegeben. Speziell die beiden Reservepaddel auf dem Deck bekamen eine selbst entworfene "Kriegsbemalung", die den vorhandenen Reklameaufdruck verdeckte. Der Deckkasten war mir ebenfalls zu farblos. Er wurde übrigens von den Kanuten der Hochschulsport-Gruppe als Bordklosett betitelt. Etwas zu bunt ist er dann zwar geraten, aber die Farbenpracht kommt zumindest den Fotos zugute. Dann war da auch noch der Gesundheitscheck einschließlich Zahnarzt…
Wie bringe ich es den Eltern bei?
Da hatte ich mir also etwas Schönes ausgebrütet, war nur die Frage, wie es meine Umgebung auffassen würde. Einige wären am liebsten gleich mitgekommen. Auch Martin war von meinem Plan so angesteckt, dass er mich für den Fall einer Referendariats-Wartezeit auf Teilstrecken mit seiner Segelyacht begleiten wollte. Andere Kanuten schüttelten nur mit dem Kopf. Meine Verlobte vernahm es Wohlwollen, war doch unsere Beziehung zerbrochen, auch wenn wir noch unter einem Dach wohnten.
Bei meinen Eltern jedoch wusste ich schon im Voraus, dass sie mich nicht verstehen würden. Vor einer Aussprache mit ihnen hatte ich daher regelrecht Angst und verschob sie immer wieder. Da ein möglicher Streit nur mein Lernen für´s Examen belastet hätte, verlegte ich alles Weitere auf Ende Dezember. Was war aber die beste und schonendste Art, es ihnen beizubringen? Es entstand der Gedanke, ihnen einen Brief zu schreiben (und evtl. ihnen den in ihren Schiurlaub zu schicken). Doch irgendwann fand ich die Idee dann doch nicht mehr so gut, was auch meine Schwester bestätigte.